Definition
der Schmerzkrankheit
Dieser
Definitionsversuch ist erst möglich geworden durch
Forschungsergebnisse zur Pathophysiologie des Schmerzes, dem
sogenannten „Schmerzgedächtnis“. Diese
Forschungsergebnisse wurden auf dem „Deutschen Schmerztag“
2006 in Frankfurt vorgestellt.
Im Gegensatz zu Gerbershagen, der
das Verhalten seiner Patienten nicht verstehen konnte und in 3
Klassen der allenfalls noch in Klasse 1 „vernünftige“
Verhaltensweisen der Patienten nachvollziehen konnte.
Patienten
der Stadien 2 und 3 waren unvernünftig, zeigten falsche
Medikamenteneinnahme, falsche Sozialisation, etc.
Der Gedanke, daß
diese immer und geradezu gesetzmäßig vorhandenen Vorgänge
bei der Schmerzchronifizierung auf eine identische „Pathophysiologie
des Schmerzes“ hinweisgebend sind, führte dann, da die
Vorgänge letztlich nur zu vermuten waren, zum Begriff vom
„Schmerzgedächtnis“, sehr unscharf, aber die klare
Konsequenz bei immerzu identischen „Schmerzkarrieren“
Heute
wissen wir, daß alles noch wesentlich schlimmer ist:
Ehemals
schmerzhemmende Bahnen im Rückenmark stellen schließlich
ihre Funktion sogar um und werden zu schmerzverstärkenden
Nervenbahnen. Damit ist eine dauerhafte Überforderung des
Zentralnervensystemes durch die exzessiv gesteigerte
Schmerzwahrnehmung sichergestellt.
Akute
Schmerzen:
Akute Schmerzen (wie nach
Prellung oder Knochenbruch) sollten spätestens nach 8 Wochen
verschwunden sein, mit Hinzunahme eines „Sicherheitsabstandes“
allerspätestens nach 12 Wochen.
(Wohl am ehesten Phase 1 bei
Gerbershagen). Nach der ICD 10: (R52.0 G)
Schmerzstörung:
Eine
Schmerzstörung besteht, wenn über eine längere Zeit
Schmerzen fortbestehen und zu Einschränkungen in der
Lebensführung führen.
In dieser Zeit bilden sich
zunehmend „neuromodulatorische Veränderungen“ im
Nervensystem, was in der Regel eine Zunahme der Schmerzschwere mit
sich bringt. Für viele, wohl nicht für alle, der Weg in die
Schmerzkrankheit.
(Wohl am ehesten Phase 2 bei Gerbershagen). Nach
der ICD 10: (R52.2 G)
Was definiert eine Schmerzkrankheit?
Im
persönlichen Erleben:
Die betroffenen
Patienten empfinden die fehlenden Kräfte, die zu
Leistungseinbußen gegenüber Familie und Freunden führt
als überaus belastend. Das Selbstwertgefühl sinkt, der Weg
in Hoffnungslosigkeit, Depression, Gedanken an Selbsttötung ist
oft viel kürzer, als das Umfeld es vermutet.
Im
privaten Umfeld:
Die Umgebung des
Betroffenen bemerkt eine Wesensänderung des Erkrankten,
vermehrtes Ruhebedürfnis, Rückzug von sozialen Aktivitäten,
Hobbys und Freundschaften.
Beruflich:
Die
Leistung am Arbeitsplatz vermindert sich beträchtlich oder wird
gar völlig unmöglich. Dies führt zur Krankmeldung, zum
Arbeitsplatzverlust, zum Rentenbegehren.
Veränderungen
im Körper:
Pathophysiologisch wohl der Umbau
schmerzunterdrückender Nervenbahnen zu schmerzverstärkenden
Nervenbahnen.
Der Faktor Zeit scheint dabei das wichtigste zu
sein. Wahrscheinlich kann rasche, kompetente Schmerztherapie das
Entstehen einer Schmerzkrankheit verhindern. Bei einigen
Schmerzstörungen ist Streß ein extrem schmerzverstärkender
Faktor.
Letztlich ist es die „Neuromodulatorische
Umgestaltung“, die zur Ausbildung des Schmerzgedächtnisses
sowie zur generellen Überbewertung von Schmerzen durch den
Ausfall bzw. die Funktionsumkehr schmerzhemmender Nervenbahnen führt.
Bei vorhandener Schmerzkrankheit ist es für die behandelnden Ärzte frustrierend, wenn die Tatsache, daß ein Nervenschmerz durch eine Opiatgabe über eine Schmerzpumpe zwar zur lokalen Schmerzfreiheit führt, aber danach trotzdem Bedarf für systemische Opiate, Antineuropathica, Antidepressiva und womöglich Benzodiazepinen fortbesteht.
Derzeit
ist eine Umkehr des Prozesses, der zur Schmerzkrankheit geführt
hat, eine Illusion.
(Wohl am ehesten Phase 3 bei Gerbershagen).
Nach der ICD 10: (R52.1 G)
© Michael Blumenstein 2006
Ergänzung
im Jahre 2009:
Gibt
es ein 4. Stadium von Schmerzen (entsprechend einer 2. Phase der
Schmerzkrankheit)?
Ich
denke ja.
Aber es muß erarbeitet werden.
Einschränkungen
der Leistungsfähigkeit können angemessen in der
Lebensplanung berücksichtigt werden.
Aber es gibt immer
wieder auch Leistungen, bei denen der Patient nicht vorher weiß,
ob er sie bewältigen kann.
Der Erwartungshorizont kehrt sich
um:
Im Versagensfalle hat sich reguläre
Verlauf gezeigt, bei Bewältigung des Problemes gibt es einen
Grund zum Stolz.
Im Alltag ist die Lebensplanung relativ sicher,
dies kann ich, jenes nur 10 Minuten und das nächste garnicht,
bei schlechtem Wetter muß ich alles aufschieben.
Das
Restleistungsvermögen, evtl. sogar dessen Überschreitung
geben Grund zur Lebensfreude auf erniedrigtem Niveau. Aber man kann
sich sein Leben als Schmerzpatient(in) trotzdem einrichten, die
verbliebenen Freund(innen), verdienen dann diese Bezeichnung auch
wirklich, der Wert menschlicher Kontakte steigt.
Die 4. Phase
der schmerzbedingten Störungen ist, nach abgeschlossener
Neuromodulation, die Antwort unserer Persönlichkeit auf das
Schicksal.
In der 4. Phase erfolgt keine Schmerzreduktion, keine
Zunahme der Leistungsfähigkeit, wohl aber die Bereitschaft,
weiter im eigenen Umfeld zu leben und es den Möglichkeiten
entsprechend mitzugestalten.
Zum Übergang in die 4.
Schmerzphase trägt oftmals auch eine Klärung der sozialen
Lage bei.
Das Rentnerdasein bringt Einschränkungen
wirtschaftlicher Art mit sich. Kennt man das Ausmaß der
Einschränkungen, dann kann man sich im Leben wieder besser
„seinen Platz“ finden.