Schmerz tritt in das eigene Leben
Plötzlich
ist etwas passiert:
Ein Unfall, eine falsche Bewegung die
Rückenschmerzen auslöst, eine zwar erst seit kurzem
bekannte Zuckerkrankheit, die aber schon zu Schmerzen führt.
Oder es bricht ein entzündliches Rheuma aus, wie ein Blitz aus
heiterem Himmel.
Wohl
jeder Mensch hat Schmerzen im Laufe seines Lebens kennengelernt:
Nicht nur die Kartoffel, sondern auch den eigenen Finger lädiert,
die Hand im Türrahmen gehabt beim Schließen der Tür,
mit dem Fuß umgeknickt oder durch einen Sturz Arm oder Bein
gebrochen.
Im
Regelfalle haben die Schmerzen, die so entstehen einen wesentlichen
Vorteil:
Sie verschwinden meist wieder vollkommen in einer
absehbaren Zeit, die Schmerzen bringen uns dazu, daß wir uns so
verhalten, daß eine Ausheilung bergünstigt wird. Das Leben
hat einen Erwartungshorizont ohne Schmerzen. Schmerzen als Segen.
Das ist bei chronischen Schmerzen anders. Sie bleiben uns erhalten, werden im Regelfalle, insbesondere ohne angemessene Behandlung, im Laufe der Zeit schlechter, im Kampf gegen die Schmerzen bleibt man auf Dauer leider oft der Unterlegene.
Der Schlaf wird schlechter, die Konzentration läßt nach, irgendwann wird das Zentralnervensystem derart mit Schmerzinformationen überfordert, daß die Leistungsfähigkeit im Extremfalle auf Null geht.
Das
Gehirn verglichen mit dem Computer:
Schmerz ist wie eine
Videoanwendung in hoher Auflösung, da werden die Ressourcen des
Rechners gebunden, der Versuch, gleichzeitig ein Fax zu versenden
wird scheitern.
Alle
liebgewordenen Menschen und Dinge verlieren an Wert. Die Kraft reicht
nicht mehr, sich seinen Familien, Freundschaften und Hobbys
zuzuwenden.
Gemeinsame Reisen, Familienfeiern und Vorhaben werden
zu einer steilen Wand, die unüberwindlich erscheint.
Guter
Schlaf ist ein extrem wertvolles Gut und wird zum schönsten
„Erlebnis“, wenn er denn erreicht werden kann. Man kann,
wenn der Schmerz über langsam leitende Nervenbahnen geleitet
wird, beim Erwachen noch eine kurze Zeit der Schmerzfreiheit erleben.
Kurz, viel zu kurz.
Es ist schon schlimm, wenn der Schlaf als die schönste Zeit des Lebens wahrgenommen wird, er ist ja im Grunde eine Zeit der Nicht- Bewußtheit, aber in den Träumen scheinen wir so zu leben, als gäbe es keine Schmerzen.
Ewige
Selbstvorwürfe:
Alle Erwartungen, die das persönliche
Agieren und Helfen betreffen, werden enttäuscht. Einige Dinge
können gemacht werden, aber die Rache folgt auf dem Fuße:
unerträglicher Schmerz oder sogar ein schmerzbedingter
Bewußtseinsverlust, ein höheres Schmerzniveau anschließend
noch für längere Zeit.
Einige
kleine Hilfen für den Alltag:
Bei Extremschmerzen
sich unverzüglich in einen ruhigen „Fluchtbereich“
zurückziehen, die Augen schließen (dadurch werden dem
Gehirn viele Reize erspart), das Ausatmen bewußt verlängern.
So läßt sich meist eine Schmerzsynkope (Ohnmacht)
vermeiden, die Schmerzstärke geht etwa von 9 auf 8, mit etwas
Glück auch auf 7. Nach dieser Pause ist man dann wieder mit den
bekannten Einschränkungen im Beruf belastbar, so man das Glück
hat, seine Tätigkeit leidensgerecht gestalten zu können.
Depression:
Es
ist leicht nachvollziehbar, daß schon auf der Basis realer
Verluste und Einschränkungen sich die Persönlichkeit im
Sinne der Depression verändert. Aber es sind auch
schmerzbedingte Veränderungen im Zentralnervensystem, die eine
depressive Entwicklung fördern.
Hilfreich
sind für viele sogennannte „Trizyklika“, eine Gruppe
von Antidepressiva, die meist Mundtrockenheit, Herzklopfen,
Gewichtszunahme, aber auch Müdigkeit bewirken. Der Schlaf wird
begünstigt, auf reine „Schlafmittel“ kann so oft
verzichtet werden.
Neuere Medikamente beeinflussen den Schlaf
nicht, aber es erfolgt eine positive Schmerzmodulation, die einer
Chronifizierung entgegenwirkt. Wer von den neuen Medikamenten
wirklich profitieren kann, daß steht noch nicht endgültig
fest, eine Schlaffördernde Wirkung besteht nicht, dies muß
oft durch Schlafmittel reguliert werden.
Bei den meisten
Schmerzpatienten ist es sicherlich so, daß es für Familie
und Umfeld besser ist, wenn wir erhalten bleiben. Ein Freitod wäre
also nur dann sinnvoll, wenn trotz Schmerzmitteln die Schmerzen
unerträglich bleiben oder unser Abschied aus dieser Welt einen
Nutzen für das Umfeld erbrächte. Beides ist aber nur in den
seltensten Fällen gegeben, ein Suicid also eher als Stärke
der Depression, weniger der Schmerzen zu sehen. Hilfe ist also
möglich!!!
In
solchen Krisen sich Rückhalt holen:
Beim Arzt, ggfs.
beim Psychotherapeuten oder der Selbsthilfegruppe, die Suche nach
Verständnis im familiären Umfeld ist sehr schwer, aber wenn
dies einmal erreicht wird ein enormer Gewinn.